Referat auf dem Teach-In „Demokratie und Hochschule“

Wir dokumentieren im Folgenden das Kurzreferat, das AK Gewerkschaften im Teach-In von Hochschulstreik München am 12. Juni gehalten hat. Es wurden weiterhin Referate von Die Linke.SDS München und den Juso-Hochschulgruppen München gehalten. Eine ausführlichere Fassung zu „Demokratie und Hochschule“ war im Rahmen der seitens LMU-Verwaltung nicht genehmigten Veranstaltungsreihe vorgesehen.

Flyer zur Veranstaltung: http://pdfcast.org/images/s/6151/teach-in.jpg

Nächstes Teach-In: Donnerstag, 26. Juni, 13:30 Uhr

 

Demokratie und Hochschule: Konzepte, die viele verschiedene Bedeutungen haben; Konzepte, die kaum voneinander zu trennen sind. Wir würden diese Konzepte gern im Rahmen einer Veranstaltungsreihe „Demokratie an der Uni“ diskutieren. Interessant finden wir zum Beispiel das Verhältnis von Hochschule und Demokratie, die Frage ihrer gegenseitigen Durchdringung in der Geschichte. Spannend fänden wir auch eine Auseinandersetzung mit der Ideengeschichte der Demokratie: Was hieß „Demokratie“ zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Akteure und welche Bedeutungsebenen von „Demokratie“ ließen sich heute ausmachen?

Wenn im Jahr 2014 von „Demokratie“ gesprochen wird, kann das bedeuten: eine Staatsform, aber auch aufklärerische Ideale wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auf was wir hier aber abzielen, ist eine Kritik des Zusammenhangs von bürgerlicher Demokratie und bürgerlicher Klassenherrschaft, welche sich auch innerhalb der Universität entfaltet. Die real existierende Demokratie ist ein System formaler Gleichheit und gleichzeitiger Klassenherrschaft. Vor dem Gesetz und der Wahlurne herrscht scheinbar Gleichheit, so lange die bestehenden Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse nicht angetastet werden.

Die Arbeitswelt steht außerhalb der Demokratie, „Sozialpartnerschaft“ hin oder her. Eine Lohnabhängige hat, im Gegensatz zu ihrem „Arbeitgeber“, keine demokratische Möglichkeit darüber zu entscheiden, ob sie nächste Woche statt 40 oder 35 Stunden arbeitet. Sie kann individuell auch nichts dagegen unternehmen. Miete und ausstehende Stadtwerke-Rechnungen zwingen sie in das Korsett des kapitalistischen Entfremdungsprozesses.

Das Verhältnis von Demokratie und kapitalistischer Herrschaft zeigt sich jedoch nicht nur in der tagtäglichen Ausbeutung im Dienste der Profite. Es zeigt sich auch innerhalb der Universitäten, durch Fremdbestimmung von Lehrplänen, durch undemokratische und bürokratische Verwaltungsgremien.

Real existierende Demokratie und kapitalistische Wirtschaftsordnung korrespondieren miteinander. Wenn wir daher von „Demokratie“ oder „Demokratisierung“ sprechen, geht es uns nicht darum, abstrakt mehr davon zu fordern. Wir brauchen demokratische Strukturen konkret, um gegen die Zwänge des Kapitalismus Widerstand organisieren zu können. Um in Zukunft entscheiden zu können, wie Arbeitsprozesse aussehen sollen, damit diese Zwänge wegfallen.

Dass diese Zwänge auch der Universität immanent sind, liegt in der Funktion von Hochschuleinrichten für die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Gesellschaft begründet: Die Universität dient erstens der Ausbildung von qualifizierten Fachkräften für den Markt. Sie bedingt zweitens die (weitere) Spaltung der Arbeiter*innenklasse in eine Arbeiter*innenaristokratie aus Manager*innen, Verwaltungsexpert*innen oder Mediator*innen auf der einen Seite, Hilfsarbeiter*innen, prekäre Beschäftigen, Arbeitslosen und Illegalisierten auf der anderen. Drittens trägt die Uni im Kapitalismus zur Ausbildung von Kopfarbeiter*innen bei, die in der Reproduktion des hegemonialen Diskurses den Überbau bilden. Sie entwickeln „wissenschaftliche“ Begründungsmechanismen zur Legitimation des Bestehenden und sogar ihrer eigenen Entfremdung.

Während viele Lehrkräfte an der Uni nur noch prekär beschäftigt werden, Geflüchtete von der Bildung ausgeschlossen sind, Studierende daran gehindert werden, ihre Lehrpläne selbst zu gestalten und kein Recht haben sollen, allgemeinpolitische Veranstaltungen zu organisieren – währenddessen machen Staat und Konzerne selbstverständlich Politik. Die Bundeswehr betreibt Kriegspropaganda und Rüstungsforschung. Wirtschaftsunternehmen werben auf Jobmessen neues Personal an. Sie haben mittelbar via Drittmittel oder sogar unmittelbar via Hochschulrat Entscheidungsgewalt in zentralen Gremien. Das ist das wahre Gesicht unserer Universität.

Es sollte klar geworden sein, dass die Uni und „Allgemeinpolitk“ zusammen gehören. Wir müssen den basisdemokratischen Kampf auch an der Uni führen. Doch darf unser Kampf nicht an der Uni enden, sondern muss mit den Arbeits- und sozialen Kämpfen zusammengeführt werden.

Wir stellen uns eine Uni im Dienste einer Gesellschaft vor, in der die Aufspaltung des Einzelnen in demokratisches Subjekt (Citoyen) einerseits und Arbeitende*n andererseits, nicht mehr existiert, sondern sich das Individuum in all seinen Facetten frei entfalten kann. In diesem Sinne fordern wir:

 

–        Freier Hochschulzugang für alle, ohne sexistische und rassistische Diskriminierung!

–        Bundeswehr und Konzerne raus aus der Uni, Abschaffung von Hochschulrat und Senat!

–        Eine Universität unter der Kontrolle der Lohnabhängigen und Studierenden mit selbstbestimmten Lehrplänen!

–        Als ersten Schritt dorthin eine Konstituierende Versammlung aller Beschäftigten und Studierenden: One person, one vote!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Referat auf dem Teach-In „Demokratie und Hochschule“

  1. Pingback: Teach-In im Lichthof der LMU: “Demokratie lässt sich nicht verbieten!” | AK Gewerkschaften (München)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s